Paulo Freire Verlag - Oldenburg



Ronald Lutz (Hrsg.)

Kinderberichte und Kinderpolitik

Aktuelle Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen

ISBN 3-86585-407-8
140 S. - € 24,90

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Zum Inhalt
Gerhard Beisenherz - DJI München
Sozialberichterstattung über Kinder – Ein Spagat zwischen dem autonomen Kind und gesellschaftlichen Erwartungen?

Karl August Chassè
Meine arme Familie. Lebenslagen benachteiligter Kinder im gesellschaftlichen Wandel

Jenny Richter
Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen in Ostdeutschland: Eine Herausforderung für Politik und Berichterstattung
 
Kerstin Dellemann
Kinder- und Jugendberichterstattung für Thüringen
 
Katja Gräf
Partizipation von Kindern und Jugendlichen
 
Heinrich Kupfer
Was ist eigentlich Kinderschutz?
 
Magdalena Joos
Kinderbilder und politische Leitideen in der Sozialberichterstattung
 
Fredegunde Bergmann, Reinhard Müller
Mögliche Auswirkungen von Hartz IV auf die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen
 
Ronald Lutz
Kindgerechter Armutsbegriff
 
Volker Schanz-Biesgen
Empfehlungen zum Aufbau einer Kinderberichterstattung
 
Silke Mardorf
Kindheit und Familie – ein Thema in der kommunalen Sozialberichterstattung?


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Zusammenfassung

Im März 2004 lud der Deutsche Kinderschutzbund Thüringen, die Friedrich Ebert Stiftung Thüringen und die Fachhochschule Erfurt zu einer Fachtagung mit dem Titel „Papier ist geduldig – Kinder auch? Aktuelle Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen: Berichterstattung, Reaktionen, Politikempfehlungen“ ein. Ca. 60 Personen aus Politik, Verwaltung, freien und kommunalen Trägern wie auch Privatpersonen folgten der Einladung und unterstrichen damit die Aktualität dieses Themas.

Hintergrund sich dieses Themas anzunehmen ist die steigende Armut von Kindern in Deutschland und die demgegenüber spärliche Armutsberichterstattung, die darüber hinaus wenig standardisiert und operationalisiert verläuft. Ein paar Beispiele sollen die Brisanz des Themas verstärken: Das Risiko für Kinder von Armut betroffen zu sein lag 1999 in den alten Ländern doppelt so hoch wie für erwachsene Personen.

33,1 % aller deutschen SozialhilfeempfängerInnen waren im Jahr 2000 Kinder und Jugendliche bis zum 15. Lebensjahr. In Thüringen lag die Armutsquote 1998 – gemessen in Höhe von 60 % des Medians der Äquivalenzeinkommens – 1,6 Mal höher im Vergleich mit dem gesamten Bundesgebiet. Prekärer wird dieses Bild mit der Kenntnis, dass Kinder für ihre Familien selbst ein Armutsrisiko darstellen und sich damit ein explosiver Kreislauf schließt. So stellen Kinder unter 15 Jahren ein höheres Armutsrisiko für ihre Familien dar als ältere Kinder wie auch die Anzahl der Kinder einer Familie eine entscheidende Rolle spielt..

Und eine rein monetäre Darstellung von Armut wird der Komplexität der Problematik bei weitem nicht gerecht. Der Deutsche Kinderschutzbund sieht neben monetären Problemen von Armut betroffener Kinder insbesondere problematische Bildungsperspektiven, gesundheitliche Einschränkungen und familiäre Situationen der Überforderung. Es kann gesagt werden, dass Kinder armer Eltern im Bundesgebiet geringere Chancen haben eine Realschule oder ein Gymnasium zu besuchen. Dreimal mehr leiden sie unter Kopfschmerzen als Kinder aus Haushalten mit ausreichendem Budget.

Die Folgen von Armut und prekären Lebenslagen können mit Stigmatisierung und Ausgrenzung umschrieben werden. Ohne hinreichende finanzielle Ausstattung ist es ärmeren Kindern schwerer möglich an Gruppenprozessen teilzuhaben, an Klassenfahrten etc. teilzunehmen. In der Fortführung dieses Gedankens lassen sich Rückzug, Krankmeldungen u.ä. darstellen. Insbesondere wirkt sich der gesellschaftliche Prozess des weitreichenden Stillschweigens über Armut belastend aus. Rückt dieses Thema nicht weiter in die Mitte dieser gesamtbetrachteten reichen Gesellschaft wird Stigmatisierung und Ausgrenzung weiter an Bedeutung für diese Personengruppe gewinnen.

Dabei könnte eine regelmäßige vergleichbare Kinder- und Jugendberichterstattung mit dem Blick auf die Lebenslagen und Armut der Kinder eine verbesserte Grundlage für die Kinder- und Jugendhilfeplanung, Schulbildungsplanung etc. darstellen wie auch eine breitere Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren. Genau dieses fordert der Deutsche Kinderschutzbund von Politik und Verwaltung. Ohne eine fundierte Berichterstattung zu diesem Thema werden sich die Konzepte in der Kinder- und Jugendpolitik nicht dahingehend verändern können. Möchte ein Jugendklub Kinder armer Familien integrieren, so sind Konzepte mit einem Blickwinkel auf deren Lebenssituation nötig. Besondere Lebenslagen benötigen besondere Berücksichtigung. Dies ist mit in Kraft treten der Regelungen des vierten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (ALG II) einmal deutlicher geworden. Der Deutsche Kinderschutzbund sieht es als seine Aufgabe stetig für dieses Thema zu sensibilisieren. Für die Fachtagung luden wir dementsprechend ein über folgende Fragen zu diskutieren und reflektieren:

– Wie stellt sich die soziale Situation von Kindern und Jugendlichen - insbesondere nach Hartz III und IV dar?
– Bieten vorliegende Berichte ausreichend Information, um die soziale Situation von Kindern und Jugendlichen richtig zu erfassen?
– Wie politiknah muss die Berichterstattung sein, um eine geeignete Grundlage für die Politikgestaltung in Ländern und Kommunen zu liefern?
– Wie reagieren der Gesetzgeber, staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure auf die Forschungsergebnisse der Berichterstattungsprojekte?

Die Tagung soll ein Angebot auf dem Weg in die Diskussion des Themas auf Basis einer breiteren Öffentlichkeit darstellen, Sensibilisieren und mit der Forderung nach einer regelmäßigen Berichterstattung Grundsteine legen, um die Problematik von Kindern und Jugendlichen in Armut besser in Konzepten, Planungen, auch im Alltag abbilden zu können. Langfristig wollen wir durch Lobbyarbeit eine Verbesserung der Situation von Armut betroffener Kinder und Jugendlichen anstreben. Die Beiträge der ReferentInnen waren konzipiert sowohl einen Ist-Stand wie eine Perspektive – bspw. durch ALG II eröffnet – der Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen zu erfahren und die Problematik der Kinderberichterstattung in Erfahrungen und ihrer Möglichkeiten zu erfassen.

Dazu stellte Frau Richter (Abteilungsleiterin Sozialplanung, Sozialamt Leipzig) zunächst die Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen in Ostdeutschland näher dar. Die Teilnehmerinnen konnten sich einen Überblick über den aktuellen Diskussionsstand zur Armutsproblematik mit einem Vergleich der alten Länder verschaffen. Dabei wurde bereits die Perspektive durch ALG II am Rande beleuchtet, die dann in einem zweiten Referat Herr Reinhard Müller (Geschäftsführer des PARITÄTISCHEN Thüringen) weiter öffnete. Die Folgen dieses Wandels können für Kinder, Jugendliche und deren Familien dramatisch sein. Diese Aussage gilt besonders vor dem Ostdeutschen Hintergrund, dass eine höhere Prozentzahl von Personen sich im Vergleich zu den alten Bundesländern im Bezug von Arbeitslosenhilfe befindet. Ostdeutsche Ministerpräsidenten wiesen bereits auf den dramatischen Kaufkraftverlust in Folge dessen hin, welcher eine andere Seite von durch ALG II hervorgerufener Armut darstellt. Darüber hinaus werden Jugendliche, die in ihrer Entwicklung eher weniger angepasst leben, von den Sanktionen, welche durch nicht erfüllte Forderungen entstehen können, hart getroffen werden. Der Leitgedanke „Fordern und Fördern“ trifft hier seitens des Forderns stärker als Seitens des Förderns zu.

Silke Mardorf (wissenschaftliche Mitarbeiterin Universität Gießen) bearbeitete als Referentin die Frage ob Kindheit und Jugend ein Thema für die Sozialberichterstattung ist und endet damit, dass eine Kinder- und Jugendberichterstattung einen wichtigen Ausgangspunkt für Handlungen und Verhalten in der Sozialen Arbeit dieses Bereiches darstellen. Vier Punkte nennt sie zur Begründung der Wichtigkeit dieses Themas, als da wären, dass Kinder ein knappes Gut geworden sind und dieses knappe Gut weiter zunehmen wird, Kindheit als Lebensphase eine Eigenwertigkeit erhalten hat, Kindererziehung von einer Privatsache zur gesamt-gesellschaftlichen Aufgabe wechselt und Kinderarmut ein brisantes Thema geworden ist, welches Politik zum Handeln zwingen muss. Im vierten Referat sprach Frau Kerstin Dellemann (Jugendamtsleiterin, Landratsamt Saalfeld-Rudolstadt) über Anforderungen und Perspektiven einer zukunftsorientierten Jugendhilfe in Thüringen. Sie gab einen Einblick in den aktuellen Stand der Sozialberichterstattung im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, erläuterte Reaktionen lokaler Akteure darauf und referierte wie eine Planung effektiv und bedarfsorientiert gestaltet werden kann. As letzter Referent wurde Herr Volker Schanz-Biesgen (Jugendhilfeplanung Stadt Mannheim) begrüßt. Er stellte exemplarisch die Kinderberichterstattung der Stadt Mannheim vor und verdeutlichte wie eine Kinderberichterstattung angelegt sein muss um auch Wirkungen zu zeigen.

Deutlich wurde von allen Referentinnen vertreten wie dringlich eine Kinder- und Jugendberichterstattung sowohl auf kommunaler als auch auf Landesebene nötig ist. In der abschließenden Podiumsdiskussion kamen VertreterInnen der Parteinen (SPD; CDU; PDS und Grüne) mit den anwesenden TeilnehmerInnen ins Gespräch. Die Ansichten über eine Kinder-berichterstattung waren in dieser politischen Vertretung sehr unterschiedlich. Sie reichten von der Betonung der Bedeutsamkeit bis zur Aussage, dass derzeit bereits genügend Berichtsmaterial vorläge. Hervorgehoben wurde weiter die Qualität solcher Berichterstattung, denn diese sei ausschlaggebend für eine weitreichende Verwendung der Berichtsaussagen.

Zur Vervollständigung des Themas haben wir für dieses Buch weitere Autoren angesprochen und gewinnen können. So ergänzt Frau Magdalena Joos (Universität Trier) mit einem Beitrag über Bilder von Kindern und politische Leitideen der Sozialberichterstattung. Gerhard Beisenherz stellt die neue Rolle der Kinder in der modernen Gesellschaft in den Mittelpunkt und betrachtet die damit veränderten Lebenslagen als Impulsgeber für die Forderung nach einer Kinderberichterstattung. Herr Chassè bietet einen Einblick in die „Lebenslagen benachteiligter Kinder im gesellschaftlichen Wandel“ in der BRD unter Berücksichtigung verschiedener Forschungsstände und verdeutlicht die Auswirkungen der Globalisierung auf Kinder und deren Lebenslagen in der Gesellschaft. Katja Gräf überließ uns Auszüge ihrer Diplomarbeit zum Thema „Partizipation von Kindern und Jugendlichen“ und eröffnet damit Handlungsperspektiven für Kinder einer demokratischen Gesellschaft mit dem Resümee, dass Partizipation von Kindern wichtig, sinnvoll und leider von Erwachsenen zu selten toleriert wird.

Magdalena Joos weist deutlich darauf hin, dass Sozialberichterstattung nicht das Ende sondern ein Anfang einer gesellschaftlichen Diskussion über Lebenslagen von Kindern darstellt. Berichterstattung stellt für sie die Grundlage dar, Kindheit zu verstehen und sie zu gestallten. Heinrich Kupfer als langjähriger Begleiter und Unterstützer des Deutschen Kinderschutzbundes gibt einen Einblick in die Dimensionen des Kinderschutzes und in die Tätigkeiten und Aufgabenfelder des Deutschen Kinderschutzbundes. Ronald Lutz bringt als Vorsitzender des Deutschen Kinderschutzbundes Thüringen einen kindgerechten Armutsbegriff in die Diskussion ein und verdeutlicht als Folgen von Kinderarmut insbesondere die Beschränkung von Autonomie und Minimierung von Lebenschancen. Für eine kommunale Sozialberichterstattung hält er das Lebenslagenmodel und den kindgerechten Armutsbegriff als Basis geeignet.

Insgesamt kann zur Fachtagung konstatiert werden, dass eine spezielle Berichterstattung – in diesem Fall für Kinder und Jugendliche – Anstöße für die weitere Planung bietet. So kann vor dem Hintergrund der Erkenntnisse aus dem Bericht spezieller und zielgerichteter geplant werden. Probleme, Ambivalenzen und Veränderungen lassen sich schneller und besser erkennen und verorten. Infolge dessen können Kommunen und Länder frühzeitig reagieren und verstärkt präventiv tätig werden. Andererseits können Angebote zurück genommen werden, die ihre Ziele oder Klienten verfehlen.

Der Deutsche Kinderschutzbund LV Thüringen, die Friedrich Ebert Stiftung Thüringen und die Fachhochschule Erfurt bedanken sich an dieser Stelle noch einmal herzlich für die Mitarbeit, Unterstützung und Mitgestaltung der Tagung und auch bei den VerfasserInnen der Gastbeiträge herzlich. Ein besonderer Dank gilt Jacqueline Blokzyl, die strebsam aus unterschiedlichen Formatierungen die endgültige herausarbeitete. Allen Engagierten in der Arbeit mit und um Kinder und Jugendlichen wünschen wir viel Kraft und Erfolg in der Umsetzung ihrer täglichen Arbeit und Projekte.


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updated 04.09.2006